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О книге

Ciesz się klasyką! Miłego czytania!

Дата написания1970-01-01
Язык книгиpl
Возрастное ограничение12+

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Страница 53 из 54

Er saß bei Tisch neben Frau Irmgard. Alles comme il faut. Längst hatte sie sich vorgenommen, ihm das Haus und die Bilder zu zeigen. Sie überlegte, ob es schicklich sei, ihn in das Schlafzimmer zu führen, vor das große Gemälde von Hartmann. Sie begann zaghaft, davon zu sprechen. „Es ist leider in meinem Schlafzimmer”, sagte sie. Herr Charronoux maß sie mit einem Seitenblick, einem neuen Blick, der plötzlich über seinen Augen lag, wie man eine Brille anzieht. Er hatte sofort die Vorstellung von diesem Schlafzimmer, ganz genau – und es war vielleicht interessant zu wissen, wie man in dieser Gesellschaftsklasse schläft. Ein Herr von der französischen Botschaft hatte ihm gesagt, daß es nirgends so viel getrennte Schlafzimmer gäbe wie in Deutschland. Sollte man vielleicht ein Kapitel über Erotik einschalten?

Mitten unter seinen Gästen war Paul Bernheim der fremdeste Gast. Er sah eine Frau nach der andern an. Warum war Lydia nicht hier? Er liebte sie nicht. Er bestätigte es sich. Nein, er liebte sie nicht. „Begehren” fiel ihm ein. Es war das richtige Wort. Er begehrte sie. An ihr hatte er gelernt, daß er keineswegs unwiderstehlich war. Ungeschickt war er, plump. Ein kindisches Verlangen diktierte ihm, sich auf den Boden zu werfen und mit den Füßen zu strampeln wie dereinst als Knabe, wenn er gerufen hatte: Ich will aber doch, ich will aber doch. Ich will Lydia, ich will Lydia, sagte er sich zehnmal, ohne den mechanischen und mächtigen Ablauf dieser kurzen Sätze aufhalten zu können. Jeder tat ihm weh. Er konnte genau den Weg eines jeden Wortes verfolgen. Es schien dem Herzen zu entspringen, dem Kreislauf des Blutes zu folgen, in das Gehirn zu steigen, hier eine Weile zu verharren und wieder zurück ins Herz zu kehren. Ich – will – Lydia – haben! – Welch eine Qual!

Er wartete auf das Ende der Mahlzeit, als müßte sich dann etwas Entscheidendes ereignen. Etwas Unmögliches. Man mußte die endlose Zeit, die noch vor ihm lag, ein ganzes Leben, durchklungen von einem unerfüllten Wunsch, zerhacken, einteilen und am Ende eines jeden Teilchens irgendeine Entscheidung erwarten. Die also eingeteilte Trostlosigkeit war leichter zu ertragen als eine riesengroße, ungeteilte, umfassende. Und viele Enttäuschungen am Ende eines jeden Abschnitts waren besser als eine einzige Enttäuschung.

Man erhob sich. In einer Sekunde faßte er den Entschluß hinauszugehen. Um die zweite Ecke links war die Villa Brandeis. Es war, als hätte er ihre geographische Lage erst in diesem Augenblick erfahren und als käme ihm die wunderbare Nähe Lydias jetzt als eine letzte Rettung in den Sinn. Es war doch nicht möglich, einander so nahe zu sein und nicht zueinander zu gelangen. Er lief in die Straße. Er bog um zwei Ecken links.

Vor der Villa Brandeis leuchteten die zwei sonnenhellen Augen eines Autos. Die Gartentür und die Haustür standen offen. Zwei Männer in Livreen, der Chauffeur und der Portier offenbar, trugen zwei große Koffer und verluden sie in den Wagen.

Paul stand im Schatten. Er hörte Stimmen. Es wurde ihm heiß. Seine Hände wurden schwach. Er suchte nach einem der Gitterstäbe in seinem Rücken. Er hörte Lydias Stimme wie einen fernen Gesang. Aber er verstand nicht, was sie sprach.

Ein paar Sekunden spater trat Lydia aus dem Haus. Der Motor knatterte. Das Geräusch empfand Paul Bernheim als eine Beruhigung. Solange der Motor knattert, hab’ ich noch Zeit! fiel ihm ein. Das Geräusch milderte die unerträgliche Helligkeit der Scheinwerfer. Paul maß die kurze Entfernung zum Wagen. Er brauchte eine Sekunde, nicht mehr als eine Sekunde, um die Klinke der Wagentür zu fassen. Ein zweiter Paul Bernheim, ein beweglicher, löste sich aus dem stehenden, sprang zum Auto, stieg ein, fuhr weg. Das ereignete sich eben und war doch schon vor langen, langen Jahren vollbracht. Auf einmal war alles abgetan und erlebt. Weit hinter Paul Bernheim lagen die Abenteuer, der Ehrgeiz, der gesellschaftliche Glanz, die Macht, die Liebe, die Welt. Es war, als täte, dächte, fühlte er alles jetzt nur noch einmal und zum Schein. Jemand hatte ihm diese Rolle zu spielen übertragen, weil er ihren Inhalt schon erlebt hatte und mit ihm so gut vertraut war. Plötzlich hörte das Knattern auf, und gleichzeitig machte der Scheinwerfer eine Wendung und überflutete den stehenden Mann. Paul Bernheim senkte den Kopf. Es dauerte einen Augenblick. Lautlos glitt der Wagen davon.

Paul ließ das Gitter los, das er bis jetzt gehalten hatte. Er wollte gehen. Es schien ihm, daß er hier zwanzig Jahre verlebt hatte. Die Tür der Villa war noch offen. Tröstliches, goldenes Licht drang zart aus dem Flur. Brandeis trat aus der Tür.

Sein Blick fiel auf den Schatten am Gitter. „Wer ist dort?” fragte Brandeis. „Ich”, erwiderte Paul.

Brandeis trat näher mit dem leichten, lautlosen Schritt, der seine schwere, große Körperlichkeit so unwahrscheinlich machte. Es war, als ginge er auf fremden Füßen.

„Sie wollten zu uns?”

„Nein”, sagte Paul, „ich wollte zu ihr.”

„Lydia Markowna ist für immer weggefahren. Sie ist zurück zu ihrem Theater. In Genf sind sie jetzt. Sie können hinfahren!”

„Nein!” sagte Paul. Und er dachte: Mein Vater wäre hingefahren, mein Vater wäre hingefahren.

„Wir können uns gleich verabschieden”, sagte Brandeis. „Ich werde Sie bis zu Ihrem Haus begleiten. Das genügt. Ich fahre morgen. Und komme nicht mehr so bald. Ich habe nicht die Fähigkeit, lange auf einem Fleck zu bleiben.

Ich bin eigentlich verpflichtet, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Ich dachte ein paarmal daran, mich mit dem Element zu messen, in dessen Nähe Sie durch Ihre Heirat gekommen sind. Ich wollte Sie mir aufheben. Ich hatte niemals einen übermäßigen Respekt vor Ihnen, vor den Menschen im allgemeinen nicht. Meine Meinung hat hier nichts zu tun, aber ich hätte es Ihnen geschrieben, auf jeden Fall. Nun, da ich Sie hier überrasche, sage ich es. Die Umstände sind für meinen Geschmack etwas zu romanhaft.”

„Ich nehme Ihnen nichts übel”, sagte Paul. „Soeben, vor fünf Minuten noch, wäre ich tief beleidigt gewesen. Inzwischen aber bin ich alt geworden. Sehen Sie nur, Herr Brandeis, sehen Sie meine Haare! Sind sie nicht schon weiß? Seit drei Minuten habe ich die Empfindung, daß ich mein Haus als junger Mann verlassen habe und daß ich als Greis zurückkomme. Ich bin, scheint mir, weise genug geworden, um Ihnen gestehen zu können, daß ich Sie immer bewundert habe. Bewundert und auch gefürchtet. Und dennoch bin ich noch immer nicht weise genug, um auf die Frage verzichten zu können, die ich Ihnen jetzt stellen will: Warum haben Sie mich verachtet?”

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