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О книге

Дата написания1970-01-01
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Die Herrschaft der Aristokratie hatte unterschiedliche aristokratische Arten, einen Wagen zu fahren, hervorgebracht. Ein Prinz von Geblüt jagte daher, ohne auch nur einen Warnungslaut zu geben; ein Herzog, ein Edelmann, eine Operndame fuhren gestreckten Galopp; ein hoher Beamter oder ein Finanzier Galopp; der Stutzer lenkte eigenhändig sein Kabriolett wie auf der Jagd, und der Jockei auf dem Rücktritt schrie erst: »Vorsicht!«, wenn der Herr einen Unglücklichen schon niedergerissen hatte.

Da raffe sich auf, wer noch kann.

Die Polizei sah sich endlich veranlaßt, diejenigen, die Hunger, Kälte und Überschwemmungen entronnen waren, vor den Rädern der Noblen zu schützen. Man forderte ihnen Geldbußen ab, wenn sie arme Fußgänger verletzten.

Nie war das Elend so groß wie Ende März, Anfang April, denn noch einmal war unerbittliche Kälte eingefallen. Paris erklärte sich besiegt und ließ den Winter gewähren. Seinem Charakter getreu, sang es Spottlieder auf den Tod durch Kälte und Hunger. Auf der mehrere Fuß tief gefrorenen Seine tummelten sich die Eisläufer. Müßige erbauten aus Schnee kühn aufragende Obelisken, wahre Kunstwerke der Vergänglichkeit, und mancher brotlose Literat versah sie mit schmeichlerischen Versen auf die Mildtätigkeit des Königs.

An einem klaren Frosttag fuhren über den Cours-la-Reine und die äußeren Boulevards, wo der Schnee seine jungfräuliche Weiße bewahrt hatte, vier elegante Schlitten mit geschmückten Gespannen der Porte Saint-Denis zu. So mancher sah sie voll Bewunderung vorüberfliegen, die eigene Not vielleicht für Sekunden vergessend.

Von der Kirche Sainte-Croix-d'Antin schlug es eben fünf Uhr, als die Gefährte hielten. Auf das Zeichen einer der beiden Damen, die in dem zweiten Schlitten saßen, entfernten sich die übri-gen Schlitten durch die Rue Saint-Denis, während der zweite in Richtung des Boulevard de Menilmontant weiterfuhr.

Daß jene Personen Damen waren, ließ sich einzig an den hohen Aufbauten ihrer reich gezierten Frisuren erkennen, auf denen ein kleiner Federhut wippte, so dicht waren sie in kostbare Pelze vermummt. Die eine der beiden, die größere, hoheitsvollere, die auch das Zeichen gegeben, hielt den Kopf stolz im scharfen Fahrtwind und preßte ein feines Batisttuch vor den Mund, denn mit der beginnenden Dämmerung hatte auch die Kälte wieder zugenommen.

Die Kreuzung, an der man schließlich hielt, war menschenleer. In dieses entlegene Viertel wagte sich um die Abendzeit kein Bürger mehr ohne Stocklaterne und Begleitung: der Winter hatte die Zähne von drei- bis viertausend Hungerleidern verwegen geschärft.

»Weber«, redete die größere Dame den Kutscher an, indem sie ihn auf die Schulter tippte, »wie lange brauchen Sie, das Kabriolett an den Ort zu bringen, den ich Ihnen nannte?«

»Madame nimmt das Kabriolett?« fragte der Kutscher mit unverkennbarem deutschem Akzent.

»Ja, ich möchte durch die Innenstadt zurück, um die Feuer in den Höfen zu sehen. Und in den Straßen wäre man mit dem Schlitten übel dran. Zudem ist mir ein wenig kalt geworden, Ihnen nicht auch, Kleine?« fragte sie ihre Begleiterin, was diese bejahte.

»Nun, Madame, eine halbe Stunde werde ich wohl brauchen«, sagte Weber.

»Gut, um Viertel vor sieben stehen Sie bereit, Weber«, entschied die Dame, sprang leichtfüßig aus dem Schlitten und reichte ihrer Freundin die Hand. Als beide den Boulevard überquerten, knirschten ihre feinen Absätze im festen Schnee, dann ver-loren sie sich in einer dunklen Straße, während der Kutscher hörbar auf deutsch jammerte: »So ein Leichtsinn, mein Gott, so ein Leichtsinn!«

Ein Interieur

Trauen wir dem Gedächtnis des Lesers zu sehr, wenn wir hoffen, er werde sich noch der Rue Saint-Claude erinnern? Jener einsamen, wenig reinlichen, wenig bebauten, aber ehrbaren Straße im Marais-Viertel, wo der große Physiker Joseph Balsamo mit seiner Lorenza und seinem Meister Althotas gewohnt hatte und wo noch so manche Person dieser Erzählung anzutreffen sein wird?

Freilich, Balsamo war unterdes spurlos verschwunden. Sein Haus, das die kleine Straße einst durch seine hohen Fenster mit nahezu aristokratischem Lichterglanz erfüllt hatte, stand jetzt schwarz und verödet. Blickte ein Neugieriger durch das Schlüsselloch im Torweg, sah er nur mehr ringsum brandgeschwärzte Mauern, und vielleicht strich, ihrer unumstrittenen Herrschaft sicher, eine fette Ratte gemächlich über den verwahrlosten Innenhof.

Doch überlassen wir vorerst dieses Gebäude seinem Verfall und wenden wir uns einem schmalen weißgetünchten Nachbarhaus zu, wo wir in der fünften Etage zu tun haben. Durch ein finsteres Stiegenhaus und zum Schluß sogar über eine schlichte, an die Mauer gelehnte Holzleiter gelangen wir in den obersten Stock. An der Tür hängt ein Rehfuß zum Läuten. Durch einen kahlen Vorraum gelangen wir in ein Zimmer, dessen Ausstattung unsere Aufmerksamkeit verdient.

Steinfliesen statt eines warmen Holzfußbodens, grob angepinselte Türen, zerschlissene, ausgemergelte Polstermöbel. Indes lenken eine Kerze und eine Lampe auf dem Kaminbord unseren Blick auf zwei Porträts, die an den Wänden hängen. Das erste, das unter einem Barett ein längliches, fahles Gesicht mit matten Augen und einem Spitzbart über einer Halskrause zeigt, erkennen wir leicht: es ist Heinrich III., König von Frankreich und Polen. Auf dem unteren Rand des abgeblätterten Goldrahmens steht zu lesen: Henri de Valois.

Das zweite Bildnis, jüngst vergoldet und ebenso frisch wie das andere verstaubt, stellt eine junge Frau mit intelligenten, dunklen Augen, einer feinen, geraden Nase, energischen Bakkenknochen und einem Mund dar, der Gefühle klug zu beherrschen weiß. Ihr Haupt ziert ein Gebäude aus Haaren und Seidenbändern, das im Vergleich zu dem flachen Barett des Königs wie eine Pyramide neben einem Maulwurfshügel erscheint. Unter diesem Porträt liest man in schwarzen Lettern: Jeanne de Valois.

Zwischen Kerze und Lampe, möglichst weit den Fenstern, durch die der eisige Wind pfiff, saß an einem schäbigen Eichentischchen eine junge Frau, mehr als schlicht gekleidet, den Kopf in der aufgestützten Linken, und kontrollierte die Adressen mehrerer versiegelter Briefe. Blicken wir sie genau an: diese Frau ist das Original des soeben beschriebenen Porträts.

Jeanne de Valois, haben wir gelesen. Sie war also aus königlichem Geschlecht? Jenem Geschlecht, das der große Henri Quatre vom Thron gefegt hatte? Wie aber war sie in dieses Elend geraten, während der übrige Hochadel des Landes am Hof zu Versailles das annehmlichste Wohlleben genoß?

Offenbar war der jungen Frau dieser Widerspruch selbst unerträglich, denn ihren gemurmelten Worten ließ sich entnehmen, daß all die Briefe, die sie in den feinen klammen Händen bewegte, hart gesagt, Bettelbriefe um Geld an verschiedene Persönlichkeiten des Versailler Hofes waren, daß sie seufzend im voraus summierte, wie wenig diese Bittgesuche ihr eintragen mochten, und daß sie von dem wenigen erhofften Geld noch ein Erkleckliches an Droschkenfahrten zu persönlichen Vorsprachen zu wenden gedachte.

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